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Warum Ausbildungsbetriebe blinde Flecken bei ihren Azubis haben 

Fünf Personen arbeiten während der Ausbildung mit einem Azubi – und keine einzige von ihnen kennt das vollständige Bild aus Praxis, Wissen, Klassenarbeiten, Fehlzeiten und Motivation. 

Warum überraschen IHK-Prüfungsergebnisse Ausbildungsbetriebe manchmal so sehr? Yosias Woldai, Produktmanager im Versicherungsbereich bei Vocanto und selbst IHK-Prüfer in Köln, zeigte auf der 4INSIDER | SAATKORN Online Konferenz, warum sich das Bild eines Azubis über die Ausbildungszeit hinweg auf viele verschiedene Personen verteilt – und keine davon den vollen Überblick hat. 

Was ist die gestreckte Abschlussprüfung? (Definition) 

Die gestreckte Abschlussprüfung (GAP) teilt die Abschlussprüfung vieler dualer Ausbildungsberufe in zwei Teile auf: Teil 1 findet bereits nach etwa anderthalb Jahren statt und fließt mit in die Gesamtnote ein, Teil 2 am Ende der Ausbildung. Dadurch beginnt der prüfungsrelevante Teil der Ausbildung faktisch deutlich früher, als viele Ausbildungsbetriebe wahrnehmen. 

Warum das Bauchgefühl über Azubis täuschen kann 

Anhand von drei Beispiel-Azubis zeigte Josias, wie trügerisch frühe Einschätzungen sein können: Sophie gilt als eigenständig, zuverlässig und verantwortungsbewusst – ihr Prüfungsergebnis von 87 Punkten überrascht niemanden. David dagegen ist freundlich, hilfsbereit und praxisstark, erreicht in der Prüfung aber nur knapp ausreichende 52 Punkte. Der Grund: Persönliche Stärken wie Zuverlässigkeit sagen wenig darüber aus, wie jemand unter Prüfungsdruck abschneidet. Nervosität, Vorerfahrung und reine Wissenslücken entscheiden am Prüfungstag oft mehr als der grundsätzliche Charakter eines Azubis. 

Zwei Lernorte, ein blinder Fleck 

Die duale Ausbildung verteilt sich laut Berufsbildungsgesetz auf zwei Lernorte: den Ausbildungsbetrieb mit seinem Ausbildungsrahmenlehrplan und die Berufsschule mit ihrem eigenen, bundesweit gültigen Rahmenlehrplan. Beide Inhalte fließen in den IHK-Prüfungskatalog ein, aus dem die unabhängige Aufgabenstelle die eigentliche Prüfung entwickelt. Das Problem: Der Ausbildungsbetrieb sieht meist nur seine eigene Hälfte des Bildes – die Berufsschulseite bleibt oft im Dunkeln, bis das Prüfungsergebnis vorliegt. 

Fünf Rollen, fünf unterschiedliche Wissensstände 

Josias unterscheidet fünf Bereiche, in denen Wissen über einen Azubi entsteht: Praxis, Fachwissen, Klassenarbeiten, Fehlzeiten und Motivation. Die Ausbildungsleitung bekommt vor allem Fehlzeiten und grundlegende Motivation mit. Ausbildungsbeauftragte kennen die Praxisleistung in ihrem Bereich, aber selten die schulischen Leistungen. Die Personalentwicklung sieht meist nur Motivation und einen Ausschnitt der Praxis. Die Berufsschule wiederum kennt Wissen, Klassenarbeiten und Fehlzeiten, aber kaum die tatsächliche Motivation im Betrieb. Nur der Azubi selbst kennt alle fünf Dimensionen – niemand sonst hat das vollständige Bild. 

Frühindikatoren erkennen, bevor es zu spät ist 

Aus seiner Praxis als Prüfer und Ausbilder nennt Josias konkrete Warnsignale, die häufig übersehen werden: schwache erste Klassenarbeiten, Wissenslücken bei Grundlagenthemen, eine fehlende Lernroutine, unerledigte Aufgaben im betrieblichen Alltag oder ein Azubi, der sich im Laufe der Zeit zunehmend zurückzieht. Sein Beobachtung aus der Praxis: Ausbildungsbetriebe kümmern sich meist um die Azubis, denen sie hinterherlaufen müssen – nicht um jene, die eigentlich zusätzliche Förderung verdient hätten, weil sie ohnehin gut laufen. 

Wie Lernbegleitung diesen blinden Fleck schließen kann 

Vocanto begleitet nach eigenen Angaben über 50.000 Azubis in mehr als 2.000 Unternehmen und über 40 Ausbildungsberufen. Der Ansatz: Berufsschulinhalte werden in Lernpfade mit klaren Selbstlernphasen strukturiert, ergänzt um Lernerfolgskontrollen am Ende jedes Lernfelds. So entstehen Frühindikatoren, die sichtbar machen, wenn ein Azubi bei einem bestimmten Thema der Berufsschule nicht hinterherkommt – bevor daraus ein Prüfungsrisiko wird. 

Häufige Fragen zur gestreckten Abschlussprüfung und Azubi-Betreuung 

Was ist der Unterschied zwischen GAP Teil 1 und Teil 2? Teil 1 findet früher in der Ausbildung statt und fließt bereits in die Gesamtnote ein, Teil 2 am Ende der Ausbildungszeit. Beide zusammen ergeben das IHK-Prüfungsergebnis. 

Warum kennt niemand im Betrieb das vollständige Bild eines Azubis? Weil Wissen über Praxis, Fachwissen, Klassenarbeiten, Fehlzeiten und Motivation auf verschiedene Rollen verteilt ist – Ausbildungsleitung, Ausbilder, Personalentwicklung und Berufsschule sehen jeweils nur einen Ausschnitt. 

Welche Warnsignale sollten Ausbildungsbetriebe ernst nehmen? Schwache erste Klassenarbeiten, Wissenslücken bei Grundlagen, fehlende Lernroutine, liegen gebliebene Aufgaben und zunehmender sozialer Rückzug eines Azubis. 

Wie kann digitale Lernbegleitung helfen? Indem Berufsschulinhalte strukturiert nachverfolgt werden und Frühindikatoren entstehen, die zeigen, wo ein Azubi bei einem bestimmten Thema nicht hinterherkommt – lange bevor die Prüfung ansteht. 

Fazit: Prüfungsergebnisse machen sichtbar, was über Jahre gewachsen ist 

Ein IHK-Prüfungsergebnis ist selten eine Überraschung, sondern die Summe dessen, was über die gesamte Ausbildungszeit in Betrieb und Berufsschule passiert ist. Wer diesen blinden Fleck zwischen den verschiedenen Rollen im Unternehmen schließt, kann Azubis gezielter unterstützen – und verhindert, dass Prüfungsrisiken erst am Prüfungstag selbst sichtbar werden. 

Dieser Artikel basiert auf dem Vortrag von Yosias Woldai von Vocanto bei der 4INSIDER | SAATKORN Online Konferenz. Die vollständige Aufzeichnung findest du in unserer 4INSIDER Mediathek. 

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